Mein erstes Mal…
June 27, 2009 | Filed Under General |… ich werde Zeuge eines VU mit Todesfolge
Es ist Freitag, kurz vor 22:00 Uhr. Überstunden für ein Projekt, dass
dringend fertig muss, standen mal wieder auf dem Plan. Endlich zeichnet
sich ein Ende ab. Ich rufe meine Freundin an, höre nur Jubel und “ein
Team - ein Traum”. Sie legt auf, schickt mir eine SMS, dass sie kein
Wort von mir verstanden hat.
Ich packe zusammen, geh zu meinem Fahrrad, ruf noch mal meine Freundin
an. Sie steht auf dem Bonner Marktplatz, im Hintergrund spricht gerade
der Manager der Telekom Baskets. Wir verabreden uns noch etwas in der
Innenstadt zu essen. Ich bitte sie, einfach das Handy anzulassen, damit
ich noch etwas von der Finalfeier mitbekomme. Der Trainer der Baskets,
Mike Koch, spricht als nächster auf dem Marktplatz. Am Himmel ziehen
dunkle Wolken auf, es blitzt und in der Ferne hört man ein erstes
Donnergrollen. Ich setze mir Kopfhörer auf, steige aufs Fahrrad und
lausche dem Interview von Mike Koch. Keine 24 Stunden war es her, dass
ich ungläubig miterleben musste, wie die Baskets ein sicher geglaubtes
Spiel in den letzten Sekunden aus der Hand gegeben hatten und mit 70:71
alle Hoffnungen auf den ersten Meistertitel zu Nichte machten. Die
Enttäuschung stand allen Fans sichtlich ins Gesicht geschrieben. Ich
dachte kurz ans Internetforum der Baskets, als “Vizekom Baskets”
verhöhnte jemand die “ewigen Zweiten” heute.
Ich fahr weiter durch das Villenviertel, im Ohr die Liveübertragung vom
Marktplatz verfolgend. Der Himmel wird dunkler, ich beeile mich, hoffe
dem Regen noch zu entkommen, biege Richtung Rheinufer ein. Erste
Regentropfen fallen, der Himmel verfinstert sich. Ich trete in die
Pedale, die Abenddämmerung bricht an. Im Ohr höre ich die Vorstellung
von Patrick Flomo, der sich pudelwohl in der Stadt mit seiner deutschen
Frau fühlt. Ich fahre am Rheinufer entlang, sehe eine Gruppe
Jugendlicher grillen. Der Regen wird stärker.
Plötzlich gestikuliert jemand vor mir wild auf dem Radweg. Ich werde
langsamer, im Ohr noch den Ton von Flomo. Ein Mann steht mitten auf dem
Weg, zeigt in die Böschung am Rheinufer. Für einen Moment zögere ich
anzuhalten. Er spricht gebrochenes Deutsch mit russischem Akzent und
zeigt noch mal in das Gestrüpp am Ufer. Ich schaue hinunter und sehe die
Konturen von einem Mann, der im Gestrüpp liegt. Ich frage ihn, ob er
bereits den Notarzt gerufen hätte, er verneint und sagt, dass er gerade
erst vorbeigelaufen wäre und nicht so gut Deutsch spricht. Ich rufe ein
paar Mal laut Hallo nach unten, der Mann regt sich nicht. Ich laufe nach
unten, es ist rutschig und steil und nähere mich dem leblosen Körper.
Ich sehe zum ersten Mal das Gesicht des Mannes, es ist dunkelblau und
ausdruckslos. Wenig entfernt liegt ein Fahrrad. Ich suche nach einem
Puls und spüre nichts. In meinem Ohr ist noch dumpf Patrick Flomo zu
hören, ich trenne die Handyverbindung, wähle die 112.
Ich erinner mich an die W’s, sage meinen Namen, berichte von dem
leblosen Mann und versuche den Fundort zu beschreiben. Auf der anderen
Seite sehe ich eine 3 auf einem Markierungsstein am Rhein und rufe dem
noch oben wartenden Mann zu, ob er den Rheinkilometer wüsste. Er
überlegt, sagt dann etwas von 650. Ich gebe den Fundort weiter, die
Stimme am anderen Ende sagt mir, wir sollen warten, jemand würde gleich
kommen. Der Russe kommt zu mir herunter, wir fassen den Mann vorsichtig
an, fühlen und spüren nur noch Kälte. Der Russe meint plötzlich zu mir,
dass es auch Kilometer 649 sein könnte, ich haste nach oben, steige aufs
Rad und fahre zum nächsten Kilometerstein - 649. Ich rufe erneut die 112
und korrigier mich, die Stimme am anderen Ende nimmt die neuen Daten
entgegen. Ich fahre zurück zum Fundort, warte mit dem Russen, wir
schauen uns beide kopfschüttelnd an, passiert das gerade tatsächlich?
Ich sehe Scheinwerfer auf dem oberen Weg sich nähern, ein Notarztwagen
rauscht vorbei, wir rufen beide laut, der Wagen stoppt, ein Mann kommt
heruntergelaufen, wir zeigen nur ins Gestrüpp. Wenig später kommt ein
zweiter Mann, in der einen Hand ein Notfallkoffer. Wir warten auf dem
oberen Weg, hören von unten nur Messgeräusche. Der Russe fragt ob ich
ein Bier möchte, ich überlege kurz und nehme dankend an. Der Notarzt
kommt zurück, schüttelt den Kopf und gibt uns traurige Gewissheit. Ich
trinke hastig einen Schluck. Wir werden gefragt, ob wir Näheres zum
Unfallhergang berichten können, ich verneine, der Russe erzählt, dass er
Angler ist und immer nach guten Plätzen Ausschau hält. Wir werden
gebeten noch zu warten, bis die Polizei eintrifft. Er greift zum Handy,
telefoniert mit der Leitstelle. Der Regen nimmt an Intensität zu.
Ich greife wieder zum Handy, rufe erneut meine Freundin an, berichte
überhastet, was passiert ist. Der Russe greift ebenfalls zum Handy und
telefoniert. Ein Feuerwehrwagen nähert sich, gelassen steigen die
Feuerwehrmänner aus und packen routiniert Lampen aus. Der Himmel hat
sich verdunkelt, man sieht fast nichts mehr. Plötzlich wird es wieder
taghell, ein greller Scheinwerfer leuchtet ans Ufer. Auf dem Weg kommen
Fahrradfahrer, niemand von ihnen nimmt Notiz von dem Mann unten. Nur wir
und der Notarztwagen werden neugierig angeschaut. Ich unterhalte mich
mit dem Russen, wir stellen uns vor. Er heißt Sergej. Sergej erzählt
mir, dass er nur kurz Bier geholt hätte und einen Gang zur naheliegenden
Brücke und zurück gehen wollte. Wir beide können das gerade Gesehene
immer noch nicht fassen. Wir warten und machen Witze über die Polizei,
die immer dann ewig braucht, wenn man sie mal selber dringend braucht.
Er erzählt mir von einer Radarkontrolle letzter Woche in Much, Rasern
und engen Straßen in der Gegend. Die Feuerwehr baut mittlerweile ein
Stativ für eine Kamera auf, der Notarzt macht erste Bilder mit einer
Digikam. Gelassenheit überall.
Die Polizei trifft endlich ein. Ein Polizist steigt aus, läuft
zielgerichtet zum Notarzt, nachdem er knapp von uns Notiz genommen hat
und schaut zum Ufer herunter. Kurz tauscht er sich aus, dann kommt er zu
uns gelaufen, fragt zuerst Sergej nach der Fundzeit. Wir rätseln beide,
kommen auf ca. 22:05 Uhr. Der Polizist nimmt Sergejs Kontaktdaten auf
und lässt sich die näheren Umstände der Entdeckung schildern. Etwas
ungläubig folgt er den Details von Sergej. Mich fragt er ebenfalls nach
Kontaktdaten. Ein zweiter Polizist trifft ein, sie tauschen das Kürzel
VU aus - Verkehrsunfall. Sie übernehmen alles weitere. Der Polizist
wendet sich wieder an mich, sagt mir, dass er von mir erst mal nichts
mehr bräuchte und ich nach Hause könnte. Ich verabschiede mich von
Sergej, lasse die Flasche Bier zurück und setz mich mit einem mulmigen
Gefühl wieder mit dem Rad in Bewegung.
Vor mir ist nur noch Leere, zwei Lichter von Fahrrädern kommen mir
entgegen, danach wieder Dunkelheit. Es regnet stark. Ich sehe die
Umrisse des Posttowers näher kommen, biege auf die Museumsmeile ein.
Gleich zu Hause denke ich. Die letzten Meter, mein Gehirn spielt mir
einen Streich und ich höre “Who’s Dead” - in einem Autoradio wird “Who’s
bad” von Michael Jackson gespielt. Ich komme nach Hause, meine Freundin
öffnet mir schon ungeduldig die Tür. Ich erzähl ihr was passiert ist,
sie will mich ablenken und wickelt eine Überraschung aus: Ein Plakat der
Telekom Baskets mit mehreren Autogrammen der Stars.
http://www.polizei-nrw.de/presseportal/behoerden/bonn/article/meldung-090627-075147-07-241.html
http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=608705
http://www.express.de/nachrichten/region/bonn/70-jaehriger-stuerzt-uferboeschung-hinab—tot_artikel_1242632485328.html
Wollte eigentlich wg. einer Vermarktung der Webseite mailen…aber nach der Story ist’s genug.
Heftig!
Comment by Sebastian — 30/6/2009 #